Im Hinterhof der Träume

Veröffentlicht am 21. September 2025 um 10:19

Da guckt ein Mann aus dem Fenster in den Himmel.

Direkt über seinem Kopf hängt ein Vogelhäuschen. Wenn er nicht aufpaßt, dann wird er sich seinen Kopf am Vogelhäuschen stoßen. 

Vielleicht wäre er selbst gern ein Vogel. Dann könnte er aus der engen Stadt unter ihm in den freien Himmel fliegen.

Er streckt seine Nase in die Luft und schnuppert. Ich glaube, er weiß nicht, was er will.   

Er wohnt oben in einer Art Turmzimmer. Das Haus liegt in einer engen, krummen Gasse, man sieht nur Mauern und Ziegel. Ach nein, das ist ein Hinterhof!

Der Himmel sieht hell aus. Es ist Tag. Und eine Frau im Haus gegenüber sitzt in ihrer Stube und es sieht aus, als habe sie ein Licht angeknipst. So eng ist es.

Sie scheint mit einer Näharbeit beschäftigt zu sein.

Das Haus, in dem sie wohnt, sieht aus wie ein Lebkuchenhäuschen.

In dem dunklen Hinterhof zwischen den beiden Häuserreihen wächst kein Grashalm. Aber vor seinem Fenster hoch oben über den Dächern hat der Mann einen Blumenkasten, in dem es üppig grünt.

Welchen Beruf wollen wir dem Mann geben? 

Ich glaube, er ist ein Professor. Er hat Zeit, aus dem Fenster zu schauen, und er ist nicht arm, weil er einen Blumenkasten hat.

Er unterrichtet an einem Gymnasium Geographie, Philosophie und Latein. 

Er erzählt seinen Schülern von Ländern, in denen er nie gewesen ist, von Bergen und Meeren, die er nie gesehen hat. Seine Schüler belächeln ihn ein wenig, aber sie mögen ihn. Er lehrt sie das Träumen. 
[Sorry, bin da etwas weit vorgeprescht. Aber dein Professor hat mich plötzlich so inspiriert.]

:-)))

Während er da die frische Luft einatmet, träumt er auch ein bißchen. Er sieht nicht unglücklich aus.

Er schnuppert, wie warm es wohl ist. Nachher wird er noch seinen üblichen Gang durch die Stadt machen. Aber erst muss er die Klassenarbeiten zu Ende korrigieren, die hinter ihm auf dem Schreibtisch liegen.

Er hat seinen Hausmantel an, während er prüft, wie warm es ist. Für seinen Gang durch die Stadt nimmt er immer seinen Spazierstock mit. Er braucht ihn nicht als Hilfe zum Gehen, aber er möchte etwas in der Hand haben.    

Auf diesem Bild strebt alles in die Höhe. Die Mauer auf der gegenüberliegenden Seite ist sehr hoch, es scheint die Stadtmauer zu sein. Das Haus mit der nähenden Frau am Fenster, das an diese Stadtmauer geklebt wurde, hat ein extrem hohes und spitzes Dach, es scheint überhaupt nur aus Dach zu bestehen. Überragt wird das Ganze von einer Kirche auf einer Anhöhe mit einem sehr hohen spitzen Turm. Auch der Mann wohnt oben, in einem Turmzimmer, und reckt seine Nase noch ein Stückchen höher. Selbst das Format des Bildes ist schmal und hoch. 
Aber was hat es mit dieser nähenden Frau auf sich, die am helllichten Tag da unten in ihrem Zimmer eine Lampe braucht?

Ja, es strebt alles in Höhe, und ich glaube, deswegen wirken der Hinterhof und die Häuser so eng. Richtig beengend. Die Frau paßt farblich genau in die Umgebung rein, ich hatte sie auf den ersten Blick gar nicht gesehen. Der Mann sieht wie ein Fremdkörper aus. Der weiße Kragen, der gelbe Hausmantel und natürlich sein Blumenkasten. Wie ein Farbklecks. Er ist anders als die Frau, die still vor sich hin arbeitet.     

Die junge Frau ist die Tochter seiner Zugehfrau, die dreimal in der Woche zu ihm kommt. Nachher wird sie ihrer Mutter dabei helfen, die Wäsche auf die Leine zu hängen, die quer über den Hof geht. 

Er kennt sich mit Büchern aus, aber putzen und einkaufen und kochen kann er nicht. Wohnt er eigentlich in einer Dachstube oder in einer Wohnung? 

Er wohnt in einer Wohnung, er ist ja ein Professor. Hier oben im Turm hat er sein Arbeitszimmer mit einer kleinen Bibliothek. Ein Stockwerk tiefer sind das Wohnzimmer und das Schlafzimmer. Beide Räume haben Fenster nach vorn zur Straße hin.

Wenn seine Zugehfrau kommt, kocht sie ihm ein Mittagessen. Meistens ist das ein Essen, das er sich alleine am nächsten Tag aufwärmen kann. Am Wochenende geht er in das Wirtshaus, das dicht bei der Kirche liegt. Man kann es auf dem Bild nicht sehen. Besuch mag er in seiner Wohnung nicht. Er findet, daß der Besuch ihm Unordnung und Schmutz macht. Er ist ein bißchen komisch.    

Es gäbe auch gar nicht viele Menschen, die er kennt, die ihn besuchen würden. Einmal hat einer seiner Schüler bei ihm geklopft, das hat er gesehen, als er vorsichtig hinter der Gardine des Wohnzimmers hinunterschaute. Aber er hat so getan, als sei er nicht zu Hause.

Das ist ja traurig. Er ist immer alleine? Er liebt seine Blumen und vielleicht, wenn einmal ein Vogel zum Vogelhäuschen kommt, dann hat er eine Vogelgesellschaft. Fürchtet er sich vor den anderen Menschen? 

Nein, er fürchtet sich nicht vor den Menschen. Wenn er ins Gasthaus geht, trifft er dort immer Leute, mit denen er sich gern unterhält. Und einmal in der Woche spielt er dort mit einem ehemaligen Kollegen Schach. Nur zu Hause will er niemanden haben, das ist sein ganz privates Reich, zu dem niemand Zutritt hat. 

Ja, wenn er Schach spielt, dann ist er still, weil er denken muß. Aber wenn er sich mit den anderen Gästen unterhält, dann erzählt er ihnen wie auch seinen Schülern über die Reisen, die er gemacht hat. Und sie besprechen auch die politischen Ereignisse, die in der Stadt so vorkommen. Man überlegt, ob man Glocken an den Türen der Häuser anbringt, damit Besucher nicht anklopfen müssen - was drinnen oft nicht gehört wird. Und ob man die Sandwege mit Pflastersteinen belegt.  

Er begrüßt all diese Neuerungen. Er ist auch ein entschiedener Befürworter der Einführung der Straßenbeleuchtung mit Gaslaternen. Das führt manchmal zu hitzigen Diskussionen mit seinen Freunden, die bei diesen Themen eher zögerlich sind.

Ich weiß auf einmal, was der Mann tut, als er aus dem Fenster schaut. Es sieht nur so aus, als würde er in den Himmel nach oben sehen. Weil er die Nase hoch trägt. Nein, seine Augen sind gesenkt und er sieht auf die junge Frau, die in ihrer Stube sitzt und näht. 

Er will nicht, dass es so aussieht, als ob er sie beobachtet. 

Genau. Er findet sie hübsch und sieht sie gerne an. Vielleicht ist er sogar ein bißchen verliebt in sie. Nur würde er sich das nicht zugeben. Er ist ein nicht mehr ganz junger Professor, und die junge Frau ist die Tochter seiner Zugehfrau. Das geht standesmäßig nicht zusammen. 

Aber sie weiß, dass er ihr zugetan ist. Wenn sie sich begegnen, wechseln sie immer ein Lächeln, in dem viel Wärme liegt, ohne dass die Distanz überbrückt wird. 

Weil der Mann ein Professor ist, kennt er den Namen G.Ch. Lichtenberg, und er weiß, daß Lichtenberg, ein kleiner buckeliger Herr, das junge Mädchen, das ihm seine Wohnung geputzt hat, geheiratet hat. Als seine Frau gestorben ist, war Lichtenberg sehr traurig, weil er sie so sehr geliebt hat. Manchmal träumt der Mann am Fenster davon, das die Geschichte mit ihm und dem jungen Mädchen genau so ausgeht. Nur, daß sie dann noch lange lebt.    

- ENDE -

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