Liebe F.,
Ich habe Deinen Brief überhaupt nicht als karg empfunden. Für mich haben sich spontan die Anknüpfungspunkte ergeben :-). Dafür ist die Überschrift meines Briefes ein wenig großsprecherisch, sie hält nicht, was sie verspricht :-))), und ich wähle sie trotzdem.
Das ist jetzt schon öfter so gewesen, dass ich das Gefühl hatte, etwas sparsam in meiner Antwort gewesen zu sein (aus welchen Gründen auch immer – Zeitmangel, Ideenmangel … :-)), und du dann sagtest, dass du gut daran habest anknüpfen können. Vielleicht weil ich nicht so viel geschrieben habe? Manchmal ist es für den eigenen Gedankenfluss ja viel anregender, wenn er nicht gleich durch eine längere Ausführung in eine Richtung gelenkt wird, von der man sich erst etwas mühsam distanzieren muss, um zu sehen, was man selbst eigentlich dazu denkt. Oder um Raum zu haben, um seine Gedanken in eine ganz andere Richtung weiterfließen zu lassen. Ich werde jedenfalls in Zukunft abgebrochene Gedankengänge einfach abgebrochen stehen lassen. :-)
Kleiderfrage
Das ist eine schöne Frage! Ja, ich gleiche mich der Rolle an oder richtiger noch, ich habe das Gefühl, ins neue, fremde Kleid hineinzuwachsen. Nur manchmal, das finde ich meistens lustig, dann, wenn ich aufspringe, um irgendetwas an die Tafel zu schreiben, dann fällt mir nebenbei ein: „Huch, das bin ich?“ Ich hatte ja schon erwähnt, wie ich eine gelegentliche Unwucht versuche auszugleichen und so fällt mir dazu jetzt ein, dass ich mich zum Beispiel nicht, wie ich es bei den Kollegen und Kolleginnen beobachte, in die Mitte des Tisches setze, direkt vor die Tafel, also nicht frontal den Leuten gegenüber. Ich setze mich immer an die Seite, sodaß ich mehr mitten zwischen den Schülern sitze. Das heißt, ich passe das Kleid auch meiner Figur an, nicht nur umgekehrt :-))). Exponiert an der Tafel zu stehen und zudem noch mit dem Rücken zu den Anderen, das ist eine Situation, mich über mich selber immer noch zu erstaunen.
Aber du tust es! :-)
Das ist vermutlich dasselbe Staunen, das mich manchmal überkommt, wenn ich vor der Gruppe die Expertise erzähle. Ich lese sie nicht vor, sondern erzähle wirklich frei. Und es macht Spaß! :-)
Ein wenig ähnlich geht es mir mit der Rolle in dem neuen Forum. Eigentlich sehe ich mich als eine zurückhaltende, schüchterne, weniger schreibende, d.h. passive Person. Abgesehen davon, dass mein Mitteilungs- und Redebedürfnis sowieso nicht so groß ist. Aber das meine ich jetzt nicht, sondern mehr die Rolle, die mit meinem Selbstbild auseinanderdriftet. Und auch abweicht davon, wie ich gesehen werden möchte. Ich bin also aktiver und trete mehr in Erscheinung als ich es gewohnt bin. Das tue ich, weil ich mich mit verantwortlich dafür fühle, dass das Gespräch im Fluß bleibt und nicht abbricht.
Mach ruhig ein wenig Reklame: https://mondbar.eu/forum/ :-)))
Was es genau ist, was noch nicht „sitzt“ wie ein maßgeschneidertes Kleid, das weiß ich allerdings gar nicht so genau. Was stört mich daran, wenn ich als aktiver Mensch gesehen werde -falls es so überhaupt ist. Das ist ja wieder der Blick der Anderen auf mich, über den ich nichts weiter als spekulieren kann. Gehe ich einmal davon aus, ich würde als ein aktiver, selbstsicherer Mensch angesehen, dann würde ich nicht mehr schonungsvoll behandelt …? Bis heute habe ich noch keine Antwort gefunden. Bin ich tatsächlich nicht so und meine Intuition leitet mich richtig, oder aber ist hier noch ein Potential, das brach liegt? Ich muß meinen Brief an Dich abschicken, ohne Antwort :-).
Aber in dem Forum, in dem du vorher geschrieben hast, warst du doch auch recht aktiv, wie ich mich erinnere … wo ist da der Unterschied zu jetzt für dich?
„Auf Augenhöhe“
Ahja, stimmt, „Teamerinnen“ hattest Du früher einmal geschrieben. Das bedeutet weiterhin: Es ist kein Mann dabei, kein einziger „Teamer“?
Nein, momentan leider nicht. Wir hatten in der ersten Jahreshälfte ein Ehepaar dabei, aber die haben nach wenigen Wochen wieder aufgehört, weil es ihnen zu zeitaufwändig war. In den ersten Jahren war regelmäßig ein Mann dabei, aber der ist inzwischen gestorben. Männer im Ehrenamt gehen eher in die Sportvereine als ins Museum. So sieht übrigens auch die Inklusionsförderung aus: Der Großteil der Gelder geht in den Sportbereich. Inklusion im Kulturbereich ist immer noch exotisch und Anlass zum ungläubigen Staunen, wenn man davon erzählt.
Wie sprecht Ihr einander an? Daran zeigt sich meiner Meinung nach am deutlichsten, ob es ein Gefälle gibt oder nicht.
Wir duzen einander alle. Daraus kann man aber nicht zwangsläufig auf das Gefälle Rückschlüsse ziehen, denke ich. Es gibt ja Betriebe, in denen es zum guten Ton gehört, sich auch mit den Vorgesetzten zu duzen, und trotzdem hebt das die Hierarchie nicht auf, sondern im Falle eines Falles wird dann plötzlich doch von oben entschieden. Aber bei uns hat das Ganze einen eher familiären Charakter (wobei es natürlich auch in Familien Hierarchien gibt).
Eine schöne Gelegenheit, weiter von meinen Unterrichtserfahrungen zu erzählen. Alle Lehrer duzen einander (es sei denn, jemand wünscht, mit „Sie“ angeredet zu werden). Alle Lehrer duzen alle Schüler, egal wie alt oder jung. Alle Lehrer sagen ihren eigenen Vornamen und erwarten, ebenfalls geduzt zu werden. Und das aber funktioniert nur in den allerwenigsten Fällen. Die meisten Schüler sagen „Sie“ zu den Lehrern und „meine Lehrerin“ bzw. „mein Lehrer“. Daraus resultiert ein Gefälle und es drückt sich das Gefälle darin bereits aus, meine ich. Zweimal ganz zu Anfang, als ich den Job machte, habe ich versucht, mit 2 nicht mehr ganz jungen Frauen einen näheren Kontakt herzustellen. Und es hat nicht funktioniert. Ja, das kann auch gut an mir gelegen haben, weil meine Erwartungen einfach zu hoch waren. Ich hatte mit ihnen sprechen können wollen wie mit Freunden. Sprachlich wäre das vielleicht möglich gewesen. Es hat nicht funktioniert, weil sie mich nicht angesprochen haben wie „auf Augenhöhe“. Vielleicht noch deutlicher, ich hatte von ihnen Zuwendung haben wollen, Verständnis und das habe ich nicht bekommen. Daß es nicht geht, habe ich akzeptiert und erwarte es nun auch nicht mehr. Am wenigsten Gefälle nehme ich tatsächlich wahr, wenn ich mit „du“ und meinem Vornamen angesprochen werde. Deswegen würde ich diese „Formalie“ für wesentlich halten :-).
Auch für manche neuen Teilnehmenden ist das Du gewöhnungsbedürftig. Ich habe es schon erlebt, dass jemand uns Teamerinnen noch länger gesiezt hat. Er war es einfach nicht gewöhnt, so „auf Augenhöhe“ behandelt zu werden. Andere wiederum, und das sind die meisten, duzen uns sofort, für sie ist das normal.
Interessanterweise haben wir bei der Bahnhofsmission die Anweisung, alle Gäste zu siezen und uns auch von ihnen siezen zu lassen. Das wird zwar nicht von allen streng durchgehalten, weder von Kollegen- noch von Gastseite. Aber prinzipiell ist diese Vorschrift wichtig – nicht wegen des Gefälles, sondern wegen der Distanz, die sich darin ausdrückt. Das ist eine unsichtbare Barriere, so wie die Küchentheke eine sichtbare Barriere ist. Die meisten Gäste sind ja sehr nett und höflich, aber die wenigen Ausnahmen (wenn jemand z.B. hochgradig aggressiv ist und/oder alkoholisiert oder unter Drogen steht) können die Arbeit schwierig machen. Besonders die jungen Frauen, die bei uns arbeiten, empfinden das Sie als einen, wenn auch oft nur schwachen, Schutz vor Anmache.
Dabei fällt mir ein, dass mein Mann es überhaupt nicht leiden konnte, wenn ihn Fremde geduzt haben, auch nicht in etwas lockereren Situationen (Verkäufer im Imbiss wäre so eine Situation – „Na, was willst du haben?“ – darauf konnte er sehr pikiert reagieren), während mir das fast immer egal ist. Manchmal bin ich zwar etwas überrascht, aber nicht, weil es mir unangenehm wäre, sondern nur, weil es ungewöhnlich ist. Neulich z.B., als ich wieder am „Blümchenfotografieren“ war :-), sprach mich ein eher junger Mann an, was ich da mache, und der hat mich geduzt, obwohl wir uns nicht kannten. Fand ich nett. Oder in der Bibliothek, als wir eine neue junge Kollegin kriegten, bot ich ihr das Du an, weil wir uns fast alle duzen, aber der war das sichtlich unangenehm, eine so viel ältere Kollegin zu duzen, die hat weiterhin immer Sie gesagt. War für mich auch in Ordnung.
Die Logik des Lebens (lass ich so stehen :-)))
Ich verstehe, glaube ich. Es scheint der Aspekt zu sein, über den wir schon einmal gesprochen haben. Eine Freiheit, die nicht begrenzt ist, kann als Freiheit überhaupt nicht wahrgenommen werden. Der Rückzug von der „Welt“ kann nur wahrgenommen werden als eine angenehme Handlung, wenn es ein „in der Welt sein“ gibt. Gäbe es kein „in der Welt sein“, könnte man ja gar nicht unterscheiden, und ein Rückzug wäre nicht möglich. Wenn die Bedingung der Möglichkeit des Rückzuges von der Welt das in der Welt sein ist, dann gibt es, wie ich jetzt denke, auch nichts Widersprüchliches? :-)) Eines bedingt das Andere. Das scheint etwas begrifflich Logisches und zugleich etwas ganz Pragmatisches zu sein.
Das Problem ist nur, dass ich im Moment das Gefühl habe, als wenn die Sache nicht mehr im Gleichgewicht ist. Na gut, war sie vorher auch nicht, nur neigte sich die Waage da sehr in Richtung Rückzug. Jetzt neigt sie sich halt zur anderen Seite. Ist das, um die „Logik des Lebens“ aufzugreifen, so etwas wie ein mathematischer Ausgleich, aufs Ganze gesehen? Dann kommt ja noch einiges auf mich zu! :-))
Ausrufezeichen!
Ich fasse noch einmal ganz knapp zusammen, wie ich Dich verstehe: Für Dein Selbstverständnis und Wohlbefinden genügt es Dir zu wissen „ich bin“. Es spielen keine bestimmten Eigenschaften, Kompetenzen, Unfähigkeiten, die Vergleiche mit anderen Menschen, dafür eine Rolle.
Hm … kann man das wirklich so sagen? Kommt mir jetzt merkwürdig vor. Ich bin doch nicht nur (auch wenn ich das behauptet habe), sondern ich bin so und so… Mein So- und nicht Anders-Sein kann ich doch nicht unterschlagen.
Aber das Vergleichen … ja, das kann man tatsächlich lassen, das ist völlig unnötig. Für den jeweiligen Moment spielt es überhaupt keine Rolle, ob jemand anders das, was ich da gerade mache, vielleicht besser könnte. Jetzt ist hier nicht jemand anders, sondern ich.
Ist es zufällig, dass Dir die Dokusans einfallen? Ich glaube, nein. Ich werde es psychologisch deuten :-))). Es ist der Zauber oder in psychologischem Terminus die „Übertragung“, die dieses Wunder bewirkt. Mir ist es so in der ersten Therapie anfangs gegangen. Wieder mein beliebter Vergleich des ZaZen-Lehrers mit einem Therapeuten. Zumindest in der Wirkung auf den Schüler. Man fühlt sich gesehen, in der ganzen Person gesehen, so wie ein Kind von seiner Mutter oder seinem Vater im guten Fall angesehen wird, und mit diesem Blick wird das ganze Dasein bestätigt. Das Dasein, ohne dass man irgendetwas anderes außer „da“ sein muß.
Ja, das kann gut sein. Wobei für mich nicht so sehr das Gesehenwerden, sondern mehr die Offenheit das „Wunder“ war. (Falls das nicht dasselbe ist, ich kenne mich da nicht aus.) Ich wusste ja, dass es zum Konzept des Dokusans gehört, ohne Konzept hineinzugehen, ich hatte aber nicht gedacht, dass mir das so leichtfallen würde. Aber die komplette Offenheit des Lehrers (jedenfalls wirkte sie so auf mich) hat meine versuchsweise Offenheit von Anfang an verstärkt. Und dieses bewusste Fallenlassen von (Eigen-)Konzepten hat dann ja weit in meinen Alltag hineingewirkt.
***Nach einem Tag Nachdenken habe ich eine Formulierung gefunden, die mir klarer zu sein scheint: Das „Wunder“ beim Dokusan ist für mich nicht, dass ich gesehen werde, wie ich bin, sondern dass ich absehen kann von dem, wie ich glaube zu sein. Keine Bestätigung, sondern eine Befreiung.
Das Dokusan ist natürlich nur ein winziger Ausschnitt aus den Erfahrungen, die aus dem ZaZen erwachsen, so wie eine therapeutische Sitzung ebenfalls nur ein winziger Ausschnitt aus den Erfahrungen des Lebens darstellt. Jahrzehnte lang fragt man sich nicht so direkt und unumwegig, wer „ich bin“. Das Älterwerden, die kürzere Spanne „Leben“, die absehbar verbleibt, und natürlich das „alleinstehend“, wie Du es nanntest, bringt dann eine solche Frage hervor. „Ich bin“, das sind keine Bilder mehr, man schreibt keinen Roman mehr um das eigene Leben.
Das bedeutet aber doch, dass sich auch die Frage erübrigt, oder verstehe ich das falsch? In der ersten Zeit nach dem Tod meines Mannes hat mich die Frage “Wer bin ich eigentlich?“ ja sehr beschäftigt. Aber bei diesem „Ich bin“ zerbröselt das Fragezeichen nach und nach. Wie sagt mein Zen-Lehrer so schön? „Die Antwort auf ein Fragezeichen ist ein Ausrufezeichen!“ :-) Das hieße in diesem Fall: „Wer bin ich?“ – „Ich bin!“ (Oder „Sei!“, falls man die Antwort von jemand anderem erwartet.)
B.
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